Menschen, die sich um nahestehende Personen kümmern, sind der Anker in Österreichs Pflegesystem und nehmen dafür jedoch gesundheitliche sowie finanzielle Belastungen auf sich. Zusätzlich mangelt es bei dem Tabu-Thema an Anerkennung, Wertschätzung, Bezahlung sowie professioneller Unterstützung für die Angehörigen. Die App „Clara“, ein soziales Start-up und Sieger*innenprojekt des Magenta TUN 2021, möchte darum diesen Menschen professionelle Hilfe mit einer Pflege App zur Seite stellen.

Angebot von Pflegenden für Pflegende

Im Sommer 2020 haben sich die Caritas Wien, das Ludwig-Boltzmann-Institut Digital Health and Patient Safety und die ERSTE Stiftung in einem Forschungsprojekt zusammengeschlossen. Das Ziel war, die Bedürfnisse und Lebensrealitäten von pflegenden Angehörigen zu erheben. Darauf basierend wollte man ein Entlastungsangebot entwickeln. Im Herbst 2020 entstand dann die Idee zur Pflege App „Clara“. Dabei hat man kontinuierlich Zielgruppen eng eingebunden und mit Expert*innen zusammengearbeitet.

Dank der Pflege App entstehen in virtuellen Beratungsräumen kostenlos direkter, persönlicher Kontakt sowie Austausch über Chat, Telefonie, Sprach- und Bildnachrichten mit professionellen Berater*innen – zeitlich und örtlich flexibel. Diese haben langjährige Erfahrung und sind aus der Pflege, Sozialarbeit oder Psychologie. Das Ziel der App ist also eine niederschwellige und umfassende Art der digitalen Beratung für pflegende Angehörige. So können diese Entlastung und Unterstützung erfahren.

Eine Pflege App von vielen für viele

Neben der Zielgruppe der pflegenden Angehörigen bezog Two Next und die ERSTE Stiftung bei der Entwicklung der Pflege App Vertreter*nnen aus über 20 Organisationen mit ein. Aktuell wird Clara von den fünf größten Pflegeorganisationen vorangetrieben. Dazu zählen die Caritas, Diakonie, das Hilfswerk, Rote Kreuz und die Volkshilfe. Das Ludwig-Boltzmann-Institut Digital Health and Patient Safety und die Pflegewissenschaft der Universität Wien begleiten die Entwicklung der App weiterhin.

©Nikolaus Ostermann I Das Team von Clara

Für Testphase der Pflege App werden noch Unternehmen gesucht

Clara ist das Sieger*innenprojekt vom Magenta TUN 2021. In der kommenden Phase im Herbst soll die Lösung in vereinzelten Unternehmen in Österreich in den Regelbetrieb starten und Mitarbeiter*innen entlasten, die sich um angehörige Personen kümmern. Für diese Testphase sucht man aktuell noch Unternehmen, deren Mitarbeiter*innen sich um zu pflegende Menschen sorgen. Anfang 2022 soll die Pflege App dann österreichweit zur Verfügung stehen und zusammen mit den fünf größten, gemeinnützigen Pflegeorganisationen eingeführt werden.

Bis dahin möchte das Projekt-Team auch die ersten 1.000 Beratungen mittels der Pflege App zur Verfügung stellen, um aus diesen zu lernen. Und genau hier kommt der Gewinn vom Magenta TUN genau richtig, denn damit werden die ersten Beratungen dieser Phase finanziert. Zusätzlich sucht man für diese Phase noch innovative Unternehmen in Österreich, die ihren Mitarbeiter*innen in der Testphase Zugang zu Clara ermöglichen möchten.

Im Herbst 2022 will das Projekt-Team die Pflege App dann evaluieren und die nächsten Ziele für eine Ausweitung des Angebots setzen. Weitere Ideen sind z.B. Unterstützung bei Vorsorgevollmachten und Patientenverfügung sowie die Integration regionaler Netzwerke an Hilfsangeboten.

TUN Gewinner
©Moni Fellner, v. l. n. r. Nicole Traxler und Christine Fichtinger von Clara

Aufwertung des Pflegeberufs dank Pflege App

Auf Seiten der Berater*innen und insbesondere der Pflegekräfte bietet Clara ein enormes Potential den Beruf und das Berufsbild attraktiver zu machen. Denn über die Pflege App können Pflegekräfte ihr gesamtes Wissen und ihren Erfahrungsschatz an jene Menschen weitergeben, denen dieser enorm hilft. Damit nehmen sie die Rolle der Expert*innen ein, und das in einem Setting, das körperlich entlastet sowie zeitlich und örtlich flexibel in den eigenen Alltag integrierbar ist. Eine solche neue Facette kann beispielsweise Teilzeitkräfte zur Stundenaufstockungen motivieren oder eine Möglichkeit für schwangere Mitarbeitende bzw. Personen der Hochrisikogruppe sein.

Angehörige sind der Anker im österreichischen Pflegesystem

Warum braucht es so dringend die Pflege App „Clara“? Angehörige in Österreich sind der Grundpfeiler der österreichischen Pflegebedürftigen. Denn 80 % der benötigten Pflege leisten nahestehende Personen wie Familienmitglieder, Freund*innen oder Nachbar*innen. Schätzung des Sozialministeriums zufolge pflegen heute rund 950.000 Personen in Österreich nahestehende Personen. Oft passiert dies ohne Einbindung professioneller Dienste. Zudem prognostiziert der WIFO, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2050 um 60 % wachsen wird. Dadurch wird auch die Anzahl ihrer Angehörigen stiegen, die sich um sie kümmern. Mit ihrer Arbeit erbringen pflegende Angehörige eine enorme Leistung für unsere Gesellschaft. Denn diese könnte weder ausschließlich über professionelle Kräfte erbracht und schon gar nicht noch durch den Staat finanziert werden.

Die Pflege von Angehörigen ist jedoch entgegen seiner Relevanz eine gesellschaftlich unsichtbare und schambesetze Arbeit. Denn Pflege ist Familiensache und privat, darüber spricht man in der Regel nicht in der Öffentlichkeit. Anderenfalls wäre man keine gute Familie, so eine weitverbreitete Einstellung. Pflegende Angehörige sind eine sehr heterogene Gruppe. Diese Arbeit kann jede Person treffen unabhängig von Geschlecht, Schicht, Bildungsgrad oder Religion. Dennoch sind es im Durchschnitt zu 70 % Frauen, die unbezahlt und ehrenamtlich Angehörigenpflege verrichten. Genau hier setzt die Pflege App „Clara“ an.

Pflegende Angehörige werden häufig selbst zu Pflegefall

Pflegearbeit ist nämlich herausfordernd – umso mehr, wenn man keine professionelle Ausbildung diesbezüglich hat. Sie erfordert zeitlichen und finanziellen Mehraufwand und man muss sich zudem in einem Dschungel an Informationen und Zuständigkeiten zurechtfinden. Oft bringt diese Arbeit pflegende Angehörige also an ihre eigenen Grenzen der körperlichen und psychischen Belastung. Zudem mangelt es an Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit. Auch Isolation und zu wenig Zeit für sich selbst begleiten Angehörige oft über die Jahre. Diese Summe der Belastungen wirkt sich oft negativ auf ihre eigene Gesundheit auf. Sie stellen das Wohlbefinden ihres Schützlings oft über ihr eigenes und geben für die Pflege des nahestehenden Menschen sogar ihren Beruf auf. Die Konsequenz ist häufig Altersarmut und eigene Pflegebedürftigkeit. Folgen, die die Pflege App „Clara“ verhindern möchte.

Pflege durch Angehörige endlich enttabuisieren

„Eine große Herausforderung bei unserer Pflege App ist, pflegende Menschen überhaupt zu erreichen“, so Nicole Traxler, Projektleiterin von Clara. „Denn diese agieren zumeist im Verborgenen. Obwohl jede zehnte Person in Österreich einen Angehörigen pflegt, diese Pflege eine enorme Belastung für diese Person und deren Familie darstellt und diese Situation jede und jeden von uns treffen kann.“ Was kann also jede einzelne Person tun? „Darüber sprechen, Pflege und die damit einhergehenden Belastungen thematisieren,“ appelliert Nicole Traxler. „Nur so können wir die Pflege durch Angehörige enttabuisieren und verhindern, dass dieser wichtige Pfeiler in unserer Gesellschaft schambesetzt sowie Familien- und Frauensache bleibt.“