Orange The World thematisiert Gewalt an Frauen, indem weltweit Gebäude in Orange erstrahlen. Durch die UN Women Kampagne wird diese Problematik in den alltäglichen, gesellschaftlichen Mittelpunkt gerückt. Denn nach wie vor ist Gewalt an Frauen ein globales als auch nationales Thema. Brigitte Maria Soran von UN Women und Soroptimist International Austria, beantwortet daher zum Kampagnenstart die wichtigsten Fragen und erklärt, welche Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen in Zukunft notwendig sind und lädt zur virtuellen Ausstellungseröffnung von Gottfried Helnwein 25. November 2021 ab 13:00 Uhr mit folgendem Programm.

Was bedeutet Orange The World?

Die Vereinten Nationen haben es sich zum Ziel gesetzt, Gewalt an Frauen zu thematisieren und langfristig dagegen anzugehen. 2015 startete aus diesem Grund die Orange The World Kampagne durch UN Women, der Frauenorganisation der Vereinten Nationen, unter dem damaligen Generalsekretär Ban Ki-moon.

In Ă–sterreich wird die Kampagne seit 2017 in einer Kooperation von Soroptimist International Austria, UN Women Austria, Ban Ki-moon Centre Vienna und HeForShe Graz während der „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ umgesetzt. Zwischen dem 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, und dem 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, erstrahlen in diesem Sinne herausragende Gebäude in Ă–sterreich und weltweit in oranger Farbe und setzen somit ein starkes Zeichen gegen Gewalt an Frauen. Auch das T-Center ist mit der weltweit drittgrößten LED-Fassaed seit 2019 mit dabei, dieses Jahr von 25. November bis 2. Dezember.

Warum braucht es Orange The World?

Laut UN Women ist weltweit jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens von physischer, psychischer und/oder sexueller Gewalt betroffen. Obwohl Gewalt gegen Frauen ein globales und schwerwiegendes Problem darstellt, ist die Datenlage sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene noch immer unzureichend. Ein Grund hierfĂĽr könnte sein, dass Gewalt – allen voran sexuelle Gewalt – in vielen Gesellschaften nach wie vor ein mit Scham und Angst besetztes Thema ist. Viele Frauen sehen noch immer – oftmals auch aus gesellschaftlichen GrĂĽnden – davon ab, gegen sie gerichtete Gewalttaten anzuzeigen oder gar anzusprechen. Es muss also bei der Betrachtung aktueller Zahlen und Fakten von einer hohen Dunkelziffer an Gewaltopfern ausgegangen werden. Darum ist Orange The World fĂĽr die Bewusstseinsbildung so wichtig.

Wie sieht die Situation zu Gewalt an Frauen in Ă–sterreich aus?

Auch in Österreich stellt Gewalt gegen Frauen nach wie vor ein großes Problem dar. Denn diese führt im schlimmsten Fall zu Mord. 2020 wurden laut Polizei 31 Frauen – meist von ihren (Ex-)Partnern oder Familienmitgliedern – ermordet, 2021 waren es bisher 25. 2018 gab es sogar einen Höchststand von 41 Morden an Frauen. Diese Zahlen sind alarmierend und bilden trotzdem nur die Spitze des Eisberges. Denn 20 Prozent aller österreichischen Frauen ab 15 Jahren waren bereits Opfer körperlicher und/oder sexueller Gewalt. 35 Prozent aller Frauen in Österreich wurden bereits sexuell belästigt.

Da oft ein Familien- oder Beziehungsverhältnis zwischen Tätern und Opfern besteht, stellt Gewalt besonders im Lockdown aufgrund der COVID-19-Pandamie ein Problem dar. Darauf wollen mir aktuell mit Orange The World auch hinweisen. Denn viele Opfer kommen den Tätern nicht aus, sind ihnen auf teilweise engem Raum ausgeliefert. Sie sind also noch stärker isoliert von einem sonst vielleicht vorhandenen wachsamen sozialen Umfeld. Dies hat sich auch in den Zahlen der Anrufe an den Hotlines für Gewaltopfer und in den Frauenhäusern gezeigt. Denn auf dieses Hilfsangebot wurde und wird aktuell wieder verstärkt zurückgegriffen.

Welche Hilfestellungen bzw. Einrichtungen gibt es in Ă–sterreich?

Es gibt in Österreich verschiedenste Einrichtungen, die den von Gewalt betroffenen Frauen zur Seite stehen. Gewaltschutzzentren, Mädchen- und Frauenberatungszentren oder die Frauenhäuser sind hier Beispiele. Aber Orange The World richtet sich auch andere Gesundeheitsinstitutionen wie z.B. die Krankenhäuser. Denn auch die in den Krankenhäusern eingerichteten Opferschutzgruppen sind wichtige Partner in der Früherkennung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Die Mitarbeiter*innen versorgen letztendlich nicht nur die von Gewalt betroffenen Frauen, sie haben zum Teil auch die Möglichkeit, Anzeige zu erstatten oder der Patientin Informationsmaterial über Beratungsstellen mitzugeben.

Was kann man selbst tun, wenn man Gewalt an Frauen in seinem Umfeld bemerkt? Wie sollte man hier sensibel unterstĂĽtzen?

70 Prozent aller Gewalttaten an Frauen werden durch den Partner bzw. Ehemann verĂĽbt, was ein erhebliches Problem darstellt. Denn besonders bei Tätern aus dem persönlichen Umfeld der Opfer wird Gewalt eher toleriert, bleibt oftmals undokumentiert und ist daher auch schwerer zu erkennen. Darum ist die sensible Ansprache des Verdachtes eines Gewaltproblems von enormer Wichtigkeit, um dem betroffenen Opfer die Möglichkeit zu geben, Vertrauen aufzubauen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Oftmals hilft auch die Information ĂĽber Organisationen, die fĂĽr Gewaltopfer Ansprechpartner sind und die ihnen den Weg bereiten können. Denn so kann die Gewaltspirale mithilfe professioneller UnterstĂĽtzung durchbrochen werden. Auch die Weitergabe von Informationen an Betroffene wie beispielsweise Notrufnummern ist manchmal ein erster Schritt.

Was braucht es in Zukunft fĂĽr gesellschaftliche bzw. politische MaĂźnahmen, um die Situation zu verbessern?

Es braucht Bewusstseinsbildung. Gerade hier versuchen wir mit Orange The World die Gesellschaft aufzurĂĽtteln und so zur bewussten Wahrnehmung des Gewalt-Problems in unserer globalen Gesellschaft aufzufordern. Um darum die Arbeit gegen die Gewalt an Frauen noch effizienter und besser gestalten zu können, wären weitere finanzielle Ressourcen fĂĽr den flächendeckenden Ausbau von Gewaltschutzzentren und Frauenhäusern dringend nötig. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist die heurige Erhöhung der finanziellen Mittel auf 24,5 Millionen (statt bisher rund 10 Millionen). Diese Summe ist jedoch viel zu wenig, wenn man einen Blick auf die Folgekosten von Gewalt an Frauen wirft. Laut dem European Institute for Gender Equality betragen die fĂĽr Ă–sterreich nämlich 6 Milliarden. Dabei berĂĽcksichtigt man Folgekosten wie Gerichtsverfahren, Sozialleistungen, Kosten von Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit, die sich aus psychischen und physischen Folgen ergeben.

Aber auch die Einrichtung von landes- und/oder bundesweiten Koordinierungsstellen fĂĽr Opferschutzgruppen in Krankenhäusern wäre ein wichtiges Anliegen. Denn häusliche Gewalt und Gewaltprävention sind derzeit nur peripher oder unzureichend in den Curricula der Gesundheitsberufe verankert. Die Erfahrungen von Expert*innen zeigen, dass die Verbesserung der Versorgung gewaltbetroffener Frauen nur dann gelingen kann, wenn die Ă–ffentlichkeit hinsieht und die politisch Verantwortlichen in die Pflicht nimmt.

AbschlieĂźend zu Orange The World: Warum die Farbe Orange?

Die Farbe Orange steht für eine hellere, bessere und positive Zukunft. Sie soll insofern Licht und Wärme versinnbildlichen und Hoffnung für die Möglichkeit zu gewaltfreiem Leben aufzeigen. Dafür steht eben Orange The World.

Beratungs- und Informationsangebote

Ăśber UN Women Austria

2010 wurden in der neuen Frauenorganisation der Vereinten Nationen, UN Women, alle mit Frauenfragen befassten Einheiten der Vereinten Nationen zusammengefasst. UN Women Austria unterstĂĽtzt seit seiner GrĂĽndung im Jahr 1997 die Arbeit des UN-Entwicklungsfonds fĂĽr Frauen mit dem Ziel, Frauen zu stärken und genderspezifische Sichtweisen in gesellschaftlichen Fragen zu betonen. Weltweit hat UN Women aktuell in 12 Ländern Nationalkomitees. Durch ihre engagierten Mitglieder tragen die nationalen Komitees dazu bei, politische Entscheidungsträger*innen und die Ă–ffentlichkeit ĂĽber UN Women und ihre Ziele zu informieren. Alle Mitglieder des UN Women Nationalkomitees Ă–sterreich arbeiten ehrenamtlich. www.unwomen.at

Ăśber Soroptimist International

Die Organisation ist ein lebendiger, dynamischer Serviceclub für berufstätige Frauen von heute. Sie ist in 132 Ländern aktiv und umfasst derzeit weltweit bereits 80.000 Mitglieder. Durch Bewusstmachen und Umsetzen (awareness, advocacy, action) schafft sie Möglichkeiten, das Leben von Frauen und Mädchen mit Hilfe ihres globalen Netzwerkes positiv zu verändern. Die Ziele von Soroptimist sind: Verbesserung der Lebenssituationen von Frauen und Mädchen, hohe ethische Werte, Menschenrechte für alle und Förderung von Gleichheit, Entwicklung und Frieden. Darum unterstützt der Verein auch Orange The World. www.soroptimist.at

Virtuelle Fachtagung „Femizide – Mord an Frauen“

Anlässlich der traurigen Aktualität thematisiert die Fachtagung in Wien das Thema „Femizide – Mord an Frauen“. Es gilt die Ă–ffentlichkeit weiter zu sensibilisieren und den drängenden Fragen nachzugehen, wie solche Mordfälle, Femizide, in Zukunft zu verhindern sind.

Kooperationspartner*innen