Traditionell werden zum Jahreswechsel Vorsätze aufgestellt. Das Jahr ist bereits wieder zwei Wochen alt und manche Pläne wurden gedanklich bereits wieder verabschiedet. Zeit, Vorsätze heuer aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Meist konzentrieren sich die Ziele auf vermeintliche Schwächen: mehr Sport, weniger Süße etc. Polarstern, ein Social-Startup von SOS-Kinderdorf, hilft Menschen, ihre Stärken zu erkennen und diese auszubauen. An den eigenen Stärken arbeiten wäre doch auch eine willkommene Alternative zu den sonst eher kurzweiligen Neujahrsvorsätzen!

Raphael Huber verantwortet Polarsterns Geschäftsführung. Im Interview erklärt er, warum es so wichtig ist, die eigenen Stärken zu kennen, wie das am besten klappt und wie es mit dem Social-Startup weitergeht.

Was macht Polarstern und wieso ist euer Ziel wichtig?

Jeder Mensch ist stark. Leider wissen vor allem junge Menschen das oft nicht. Wenn wir mit Polarstern eine Schulklasse fragen „Wer von euch ist stark?“, zeigt meistens niemand auf. Stärken sind toll – sie ermöglichen uns, Selbstbewusstsein aufzubauen, mutige Entscheidungen zu treffen und einfach zufriedener zu leben. Junge Menschen, die ihre Stärken nicht kennen und deswegen nicht nutzen können, haben größere Schwierigkeiten bei Entscheidungen (z. B. Berufswahl), sind unproduktiver und sogar anfälliger für Depressionen!

Wir sehen zudem einen großen Spalt zwischen den älteren Generationen und der Generation Z (ab Jahrgang 1995). Diesen wollen wir durch Wissensvermittlung an Unternehmen schließen. Dadurch können wir Unternehmen helfen, bessere Arbeitsbedingungen für junge Menschen zu schaffen und uns hoffentlich auch langfristig finanzieren.

Wie kam es zum Projekt Polarstern?

Um junge Menschen außerhalb der klassischen SOS-Zielgruppe zu erreichen, hat SOS-Kinderdorf 2017 einen mutigen Schritt gewagt und ein Tochterunternehmen gegründet, das nicht nur Kinder und Jugendliche maßgeblich an Entscheidungen beteiligen, sondern grundsätzlich einen anderen Weg einschlagen sollte. Deswegen wurden als Gründungsmitglieder auch gezielt Menschen ausgesucht, die keinen Bezug zu SOS hatten. Das waren dann Marlene Zehetner und ich.

Bis heute bauen wir auf die Grundlagenfinanzierung und den organisatorischen Support von SOS-Kinderdorf. Aber wir sind in unseren Programmen, Ideen und Gedanken komplett frei. Dadurch können wir mit Polarstern wirklich diesem Grundgedanken treu bleiben, aber komplett neue Ideen entwickeln. Und das haben wir getan, indem wir junge Menschen direkt gefragt haben: Was fehlt euch? Was braucht ihr? Mit was können wir euch inspirieren? Dadurch sind wir zu dem geworden, was wir heute sind: Ein Social Start-Up, das jungen Menschen ermöglicht, stark zu sein und dabei auch noch die Generationen verbindet.

Was genau bietet ihr an?

Für junge Menschen bieten wir Workshops, Lehrmaterial und eine Stärken-App namens Polarstern (Android und iOS) an.

In unseren zwei Workshops „Stärken Basics“ und „Zukunftswerkstatt“ finden junge Menschen ihre persönlichen Stärken und Wege, um diese einzusetzen. Unsere Hauptzielgruppe für die Workshops und Lehrmaterialien sind SchülerInnen im Alter von 12 bis 18 Jahren. Natürlich ist es auch für Erwachsene sinnvoll, sich mit den eigenen Stärken zu beschäftigen.

Über das Lehrmaterial können wir MultiplikatorInnen unterstützen, das Thema Stärken in ihre eigenen Klassen zu bringen. Das Lehrmaterial kommt in Form eines Stärken-Workbooks, das im Unterricht und danach als Infoquelle, Reflexionsunterlage und Handbuch für die eigenen Stärken dient.

Mit der Stärken-App kann man ganz leicht über Feedback von Menschen, denen man vertraut, die eigenen Stärken finden, abspeichern und immer dabei haben.

Polarstern
© Polarstern I Polarstern-App

Für Unternehmen bieten wir Insights zur Generation Z in Form von Beratung und Recherche sowie Reichweite über Sponsoring an. Da sind wir gerade auf der Suche nach PilotpartnerInnen, die für eine starke Jugend einstehen wollen.

Wie kann man sich einen Workshop-Tag mit Polarstern vorstellen?

Zu Beginn definieren wir gemeinsam mit der Klasse 24 Charakterstärken. Die jungen Menschen haben die Möglichkeit, eigene Beispiele zu finden und die Stärken auf ihre Interessen zu beziehen. Dadurch sind wir nah an den Lebensrealitäten der Kids dran.

Danach finden sie ihre Stärken durch Fremdfeeback und unseren tollen Stärken-Karten.

Einer der wichtigsten Schritte ist Impulse geben: Wie und wann kann man die Stärken einsetzen? Dabei beziehen wir uns auf Hobbies, Arbeits- oder Schulalltag, Bewerbungen etc.

Dazwischen lockern wir mit Spielen wie zum Beispiele eine Stärken-Party oder ein Klatsch-Wettbewerb auf.

Wie finden junge Menschen euren Ansatz? Was sind diesbezüglich eure Highlights?

Highlights gibt es einige, da wir fast jeden Tag einen Workshop halten. Wir haben mittlerweile eine eigene Wand im Büro, wo wir alle Highlights sammeln. Hier eine Auswahl:

  • wenn am Anfang des Wintersemesters fast niemand aufzeigt bei der Frage „Wer von euch ist stark?“ und am Ende fast alle,
  • wenn sie berichten, wie cool es ist, von anderen zu hören, was für Stärken sie haben,
  • wenn wir zum zweiten Mal kommen und sehen, dass sie die Stärken-Karten aus dem ersten Workshop im Mitteilungsheft haben.

Wie geht es weiter mit Polarstern? Was sind eure Wünsche fürs nächste Jahr?

2020 wollen wir noch viel mehr als den bisher ca. 30.000 jungen Menschen ermöglichen, ihre eigenen Stärken zu finden und auch zu nutzen. Dazu müssen wir eine nachhaltige Finanzierung aufstellen. Deswegen wünschen wir uns, dass die Menschen zeigen, dass ihnen eine starke Jugend wichtig ist.

Im März wird zusammen mit SOS-Kinderdorf Bilanz gezogen. Dann wird entschieden, ob das Projekt weiterhin bestehen wird oder nicht. Was unseren Impact angeht, haben wir schon Einiges geleistet. Bis wir uns eigenständig finanzieren können, wird es aber noch dauern. Daher ist der Weiterbestand noch nicht ganz sicher.

Gibt es weltweit eine vergleichbare Initiative?

Weltweit gibt es einige Bewegungen, die die gleichen Ziele verfolgen. So gibt es zum Beispiel Schulen, die nach den Leitlinien der Positive Education ausgerichtet sind und individuelle Stärken der SchülerInnen in den Mittelpunkt stellen. Dann gibt es zahlreiche Apps wie zum Beispiel Happify, die versuchen, ein glücklicheres Leben zu fördern. Ein Konzept wie unseres, das über so viele Berührungspunkte junge Menschen stärkt, ist mir noch nicht bekannt.

Bei SOS-Kinderdorf kenne ich auch kein vergleichbares Projekt. Im Gegenteil, auf internationaler Ebene besteht großes Interesse an uns und den Erfahrungen, die wir mit Polarstern machen.

Wer gehört zum aktuellen Team? Wie organisiert ihr euch und was sind eure Stärken?

Aktuell sind Anca, Rosa, Marlene, Michi und ich dabei. Anca ist ein Organisationstalent und für Unternehmenskooperationen zuständig. Rosa ist mutig und Marlene begeisterungsfähig. Die beiden bilden das Team für junge Menschen und organisieren das komplette Workshop-Angebot. Michi mit seiner Liebe zum Lernen unterstützt die beiden als Workshop-Leiter. Und ich bin neugierig und übernehme die Geschäftsführung und halte auch immer wieder Workshops.

Polarstern
© Polarstern I Polarstern-Team v. l. n. r. Marlene, Raphael, Michi, Rosa, Anca

Noch ein Tipp zum Schluss, um die eigenen Stärken besser kennenzulernen: Einfach mal FreundInnen und KollegInnen fragen! Die haben oft eine ganz andere Perspektive und erleichtern es, unsere wahren Stärken zu finden.

Über Polarstern

Web: www.polarstern.me
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