In Bezug auf Social Media wird immer wieder von einem längst „übersättigten Markt“ gesprochen. Dennoch tauchen immer wieder neue Apps und Plattformen auf, die durch ihr schnelles Wachstum das Gegenteil beweisen: Der Hunger nach Neuem ist noch nicht gestillt. Eine Anwendung die sich – zumindest im asiatischen Raum gerne mal mit Facebook und Co misst, ist TikTok. In Europa ist die App – zumindest unter diesem Namen – noch eher unbekannt. Zumindest glauben viele, die die Anwendung nicht kennen, dass sie damit noch nie in Berührung gekommen sind. Ein Blick auf die Geschichte der App kann mitunter jedoch etwas anderes beweisen: Hinter der Anwendung steckt nämlich das auch hierzulande durchaus beliebte soziale Netzwerk musical.ly. Den Namen TikTok trägt die App erst seit sie mit dem gleichnamigen chinesischen Netzwerk fusioniert wurde. Dem Hype um die App hat die Namensänderung scheinbar nicht geschadet.

Instagram für Videos

Die Nutzerzahlen steigen nämlich nach wie vor mit großer Geschwindigkeit an, die Marke von 100 Millionen Nutzern ist längst durchbrochen. Der wichtigste Grund dafür liegt auf der Hand: TikTok bringt, wie früher die Plattform Vine, Bewegung ins Spiel. Es handelt sich dabei also um einen Kurzvideo-Service, der vor allem von Teenagern sehr gerne genutzt wird. Die App

musical.ly kam in erster Linie durch all die vielen Lip-Syncing-Clips zu ihrem großen Ruhm. Nach der Fusion mit musical.ly spielt TikTok nun endlich auch dieses Stück. Scheint so, als ob die Macher mit der App aber generell den Zeitgeist getroffen hätten: Die App verbindet nämlich gleich zwei digitale Trends miteinander: Bewegtbild und Instagram. Dabei dürfen natürlich auch unzählige Filter und Effekte nicht fehlen. Die fertigen Clips können, müssen aber nicht, über soziale Netzwerke geteilt werden. Sie lassen sich auch ganz einfach abspeichern und über Whatsapp und Co verschicken. Dabei wird man als regelmäßiger Nutzer schnell merken, dass dieses Vorgehen zwar sehr lustig sein kann, aber haufenweise Speicher frisst. Wer den Hype dennoch selbst austesten möchte: Die App ist sowohl für iOS als auch für Android kostenlos erhältlich.

Beme – eine kurze Erfolgsstory

Einen ähnlichen Ansatz verfolgte man auch schon mit der App Beme. Die Storytelling-App wirkte dabei sogar so vielversprechend, dass der amerikanische Sender CNN sie seinem Erfinder um 25 Millionen Dollar abkaufte. Man erhoffte sich damit die „Generation Snapchat“ anzusprechen. Nur ein Jahr später verabschiedete CNN die App wieder, weil sie nicht den erwarteten Erfolg brachte. „Share Videos. Honestly“ lautete das Credo der Anwendung. Auch hier ging es also um Bewegtbild – und zwar um eine besonders authentische Darstellung aus Sicht des Users oder der Userin. Eine Selfie-kritische App also. Möglicherweise hat sie sich aber genau deshalb auch nicht durchgesetzt. Zusätzlich vielleicht aber auch deshalb nicht, weil keinerlei Filter und Effekte vorgesehen waren. Die nackte Wahrheit also – ohne tatsächliche Nacktheit, versteht sich.

Zwischen Facebook und Twitter

Ein ähnliches Schicksal ereilte die App Peach, die im Jahr 2016 von Vine-Gründer Dom Hoffmann gelauncht wurde. Anfangs hoch gelobt und gehypt, kam der große Wirbel um die App aber sehr schnell zu einem Ende. Die Idee, sich mit der App

irgendwo zwischen Facebook und Twitter zu platzieren, war grundsätzlich zwar nicht schlecht, gab den Usern und Userinnen aber dennoch nicht genügend Gründe von den altbewährten Kanälen auf etwas gänzlich Neues umzuschwenken. Von Facebook übernahm man die Funktion „Freunde“ statt „Follower“ zu akkumulieren, von Twitter die limitierten Posting-Möglichkeiten. Eventuell hatte man sich bei der Limitierung der Interaktionsmöglichkeiten mit Freunden aber doch etwas zu stark eingeschränkt: Während es nämlich zunächst ambitioniert und spannend anmutet, nicht in einem klassischen Messenger-System zu sein, wird das – aufgrund der Einschränkungen – aber auch schnell mal langweilig. Hat man erstmal genug angefaucht, angestupst, zugewunken oder ist der Mund vor lauter Küsschen schon ganz trocken, hat Peach nicht mehr sehr viel zu bieten. Schreiben geht nur dann, wenn man öffentlich unter einen Beitrag postet. Die Interaktionen werden dann alle auf einem Aktivitäten-Tab zusammengefasst.

„Lasso-Effekt“

Ob TikTok dasselbe Schicksal ereilt wie Beme und Peach oder die App doch eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Facebook-Gruppe darstellt, bleibt abzuwarten. Beim Facebook-Konzern scheint man sich jedenfalls auf Letzteres schon vorzubereiten. Erst im November 2018 präsentierte Facebook die App Lasso, die TikTok sehr ähnlich ist. Damit hoff man jene Teenager wieder für sich zu gewinnen, die mit Facebook nicht mehr so viel anfangen können. Laut einer Umfrage vom Pew Research Center nutzen 51 Prozent der US-Teenager Facebook, aber nur 10 Prozent halten sich dort häufig auf. Die App ist momentan nur in den USA erhältlich.