„Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Daten“. Bei der Podiumsdiskussion „Vertrauen – Die soziale Währung im Zeitalter von Big Data“ bemühte der österreichische Medienkünstler Peter Weibel gleich zu Beginn die zehn Gebote. Ein durchaus stimmiger Appell, denn was das Sammeln und die Analyse großer Mengen an Daten betrifft, herrscht heute eine Wild-West-Mentalität. So wie Banditen und Sheriffs, Helden und Bösewichter, Gesetzestreue und Gesetzesbrecher zwar oft die Bibel zitieren, tatsächlich aber nach dem Gesetz des Stärkeren handeln, geht es derzeit auch in der Big-Data-Szene zu. Dies vermittelte zumindest das hochkarätig besetzte Podium des Diskussionsabends, der im Rahmen der Vienna Biennale 2015  am 16. Juni im MAK in Partnerschaft mit T-Mobile Austria veranstaltet wurde. Neben der Moderatorin Corinna Milborn, Info-Chefin des TV-Senders Puls 4, nahmen dort Platz:

Der anfangs zitierte Medienkünstler Weibel selbst war an diesem Abend persönlich nicht mit dabei. Das Publikum bekam seine Thesen und Ansichten jedoch quasi als Entree in Form eines zuvor aufgezeichneten Interviews mit Biennale-Initiator und MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein serviert.

Vertrauen durch Technik
Weibel ortete einerseits den Verlust des Vertrauens untereinander. Da Vertrauen immer auch ein ökonomischer Begriff sein, könne diese Entwicklung in eine negative Ökonomie münden, in der sich keiner mehr an Regeln halte. Andererseits stelle die Digitalisierung Vertrauen durch Kontrolle her. „Ein Car-Sharing-Anbieter weiß genau, wo sich sich die Nutzer seiner Fahrzeuge befinden und wie sie sich verhalten. Aufgrund dieser Informationen kann er ihnen Vertrauen entgegenbringen“, erläuterte der Medienkünstler. Wer sich im Web bewege, hinterlasse gleichzeitig Spuren, die dort sehr lange für jeden sichtbar bleiben. Dessen wären sich viele Menschen kaum bewusst. Andererseits könne man dem auch kaum entkommen. Ein Beispiel: Jemand stellt Fotos einer Party, die man selbst besucht hat, auf Facebook. Somit weiß jeder, dass man dort war. Das Sammeln, Auswerten und Verfügbarmachen von Daten würde die persönliche Freiheit jedes einzelnen einschränken.

Leben retten dank Big Data
Viktor Mayer-Schönberger verwies in seiner Key-Note darauf, dass die Menschheit schon immer Daten gesammelt und ausgewertet habe. „Das hat dabei geholfen, die Welt besser zu verstehen“, so der Universitätsprofessor. Weil sowohl Sammeln als auch Auswerten des Materials aber extrem teuer waren, konzentrierte man sich auf so wenige Daten wie möglich. Die Digitalisierung erlaube nun das Sammeln und Auswerten riesiger Datenmengen. Mayer-Schönberger schilderte ein eindrucksvolles Beispiel: Die häufigste Todesursache von Frühgeborenen sind Infektionen. Wenn der Arzt sie erkennt und behandelt, ist es meist schon zu spät. Carolyn McGregor und ihr Team an der Universität Toronto haben in den Daten der Vitalfunktionen von Frühgeborenen Muster erkannt, die eine wahrscheinliche zukünftige Infektion anzeigen, viele Stunden bevor erste Symptome auftreten. Basis für diese Erkenntnis war die Aufzeichnung von 1.200 Datenpunkten – pro Frühchen und Sekunde (!). Dank McGregors Entdeckung, können Ärzte rechtzeitig Medikamente verabreichen und so Leben retten. Warum die Infektionen auftreten, konnte McGregor allerdings nicht herausfinden. Die Prognosen beruhen auf Wahrscheinlichkeiten.

Eine dunkle Seite von Big Data
Das Anwendungsbeispiel, das Ivan Krastev etwas später in die Diskussion einbrachte, zeigt die andere, die dunkle Seite von Big Data: Schauplatz dafür waren die Proteste in Kiew im Jänner des vorigen Jahres: Als die Situation zwischen Demonstranten und Polizei eskalierte, bekamen Personen, die sich in der Nähe der Proteste aufhielten, ein SMS ohne Absender: „Sehr geehrter Kunde! Sie wurden als Teilnehmer an einem Massenaufruhr erfasst.“ Beobachter vermuten die damalige Regierung als Urheber dieser Aktion. Krastev gab zu bedenken: „Die fleißigsten Sammler von Daten wären Regierungen und große Konzerne. Wer kontrolliert diese Organisationen?“

User ist mit dem Schutz der Daten überfordert
Laut österreichischem Datenschutz liegt die Verantwortung für, und somit auch die Kontrolle über die eigene Daten beim Nutzer selbst. Das klingt zunächst einmal nicht schlecht, sei aber ein großes Problem, so Mayer-Schönberger. Denn meist würde der User der Nutzung seiner Daten zustimmen, ohne sich die Nutzungsbedingungen durchzulesen. Dies wäre ihm auch kaum zuzumuten, denn ob des Umfanges dieser juristischen Texte, würde eine Lektüre mehrere Stunden dauern. Mayer-Schönberge: „Völlige Transparenz schafft kein Vertrauen.“ Besser sei es, die Verantwortung für Daten ihren Verwendern zu übertragen. „Ich kenne Unternehmen, die sich dieser Verantwortung bewusst sind. Ich kenne aber auch Unternehmen, die bei der irischen Datenschutzbehörde ein paar tausend Euro aus ihrer Portokasse zahlen“, schloss Mayer-Schönberger seine Ausführungen mit einem Seitenhieb auf Facebook und Co und deren oft nicht gesetzeskonformen Umgang mit User-Daten.

Telcos wissen am meisten
Mit jenen Unternehmen, die verantwortungsvoller mit Kundendaten umgehen, dürfte Mayer-Schönberger wohl die Telekommunikationsunternehmen gemeint haben. Das ist auch gut so, denn: „Wahrscheinlich sind die Telcos jene Unternehmen, die am meisten über ihre Kunden wissen“, meinte T-Mobile Austria CEO Andreas Bierwirth. Die Kunden würden darauf vertrauen, dass ihre Daten nicht an Dritte weitergegeben werden, oder illegal in falsche Hände gelangen. Wie umtriebig sich Hacker im Netz bewegen, um an diese wertvolle Ressource zu gelangen, demonstrierte Bierwirth anhand eines so genannten Honeypots – zu Deutsch „Honigtopf“. Dabei handelt es sich um einen Server, der Hacker anzieht und deren Angriffe dokumentiert. Knapp 17.000 hätte man allein in der vergangenen Woche verzeichnet, verriet Bierwirt. Heikle Nutzung von Kundendaten

Der T-Mobile CEO selbst würde die Kundendaten in Zukunft sehr gerne selbst kommerziell nutzen. „Facebook und WhatsApp tun dies“, argumentierte Bierwirth. Durch ihre Services – beide bieten auch schon Telefonate über das Internet an – wären diese Unternehmen mittlerweile die direkten Konkurrenten der Telcos. Bei der Nutzung der Daten ihrer Kunden würden sich die Telcos auf einem schmalen Grad bewegen. „Warum soll ich nicht die anonymen Bewegungsdaten meiner Kunden der ASFINAG zur Verfügung stelle, damit sie Staumeldungen in Echtzeit anbieten kann?“, so Bierwirth. Damit könne niemand in Problem haben. Heikel werde die Nutzung von Kundendaten aber dann, wenn diese durch spezielle Analyseverfahren ihren anonymen Charakter verlieren. Dann, wenn es aufgrund dieser Analysen möglich ist, auf ein Individuum zu schließen.

Daten sind längst Währung
Grundsätzlich wären Daten schon längst zu einer Ware und einer Währung geworden, meinte Bierwirth. „Wenn du mir deine Daten gibst, dann kannst du meine App kostenlos nutzen, oder du bekommst eine E-Mail-Adresse samt Speicherplatz. Das ist ein fairer Deal, solange der Preis passt“, konkretisierte der T-Mobile Austria CEO. Dass dieser dem User auch zu hoch werden kann, könne man anhand von Facebook in den USA beobachten. „Facebook ist dort zu einer reinen Werbeplattform geworden und die User wandern ab, weil sie mit dem Preis-Leistungsverhältnis nicht mehr zufrieden sind“, erzählte Bierwirth. Laut Judith Denkmayr wäre dieses Geschäftsmodell aber vielen Konsumenten noch nicht bewusst: „Wenn du für ein Service nicht bezahlst, dann bist du das Produkt“, warnte sie. Die User würden ihre Daten oft aus Bequemlichkeit so bereitwillig hergeben. Und das sehr zur Freude der großen globalen Datensammler wie Facebook, Google, Apple und Co.

EU-weiter Datenschutz reicht
Ob ein globaler Datenschutz diese und andere globale Player zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit den Daten zwingen könnte, wollte Moderatorin Corinna Milborn wissen. „Ein europäischer würde schon reichen“, meinte Mayer-Schönberger. Denn die globalen Player hätten alle Töchterunternehmen in Europa, um den für sie sehr wichtigen Markt besser bearbeiten zu können. „Die Konzerne suchen sich für ihre Niederlassungen jenes Land mit den lockersten Datenschutzbestimmungen, der schwächsten Datenschutzbehörde und den geringsten Strafen aus.“ Das wäre derzeit nun einmal Irland. „Bis vor kurzem bestand die irische Datenschutzbehörde aus einem Ein-Zimmer-Büro mit zwei Mitarbeitern über einem Second-Hand-Geschäft. Die haben dann Strafen in der Höhe von ein paar Tausend Euro verhängt“, erzählte der Universitätsprofessor. Der erste Schritt zu einer EU-weiten Datenschutz sei aber kürzlich schon gelungen. Denn die Justizminister der 28 EU-Staaten haben sich am 15. Juni auf einen Entwurf zu einer gemeinsamen Datenschutzgrundverordnung geeinigt. Die derzeit geltende Datenschutzverordnung stammt übrigens aus dem Jahr 1995 – der Facebook-Gründer Marc Zuckerberg war damals gerade einmal elf Jahre alt.

Was Social-Media-Profile alles verraten
Während sich der Gesetzgeber also noch schwer tut, dem großangelegten Sammeln und Auswerten von digitalen Daten einen legistischen Rahmen zu geben, sind die Big-Data-Anwender höchst kreativ. Dies zeigt eine Lösung, die Moderatorin Corinna Milborn selbst in die Diskussion einbrachte: Talentwunder matcht öffentlichen Social-Media-Profile wie Facebook, Xing oder LinkedIn, und errechnet mithilfe von Algorithmen bestimmte Einstellungen des Profilinhabers: Wie ausgeprägt ist der Wille zum Wechsel des Arbeitgebers etwa. Diese Informationen stellt Talentwunder Unternehmen zur Verfügung, die im „War of Talents“ bessere Karten haben wollen. „Es werden einige Unternehmen dieses Service in Anspruch nehmen, um mehr über die Wechselwilligkeit und die Einstellung der eigenen Mitarbeiter zu erfahren“, mutmaßte Milborn. Von Andreas Bierwirth wollte sie wissen, ob er dieses Tool bei T-Mobile Austria einsetzen würde. „Für die interne Revision greifen wir grundsätzlich nicht auf externe Tools zurück“, stellte der CEO klar. Für das Abwerben von Talenten würde er den Einsatz dieser Lösung aber durchaus in Betracht ziehen. Denn: „Sie bietet für uns einen konkreten Nutzen, indem sie die Kosten für die Personalsuche senkt.“

Big Data liefert nur Wahrscheinlichkeit
Eine äußerst interessanten Publikumsmeldung verlieh die der Diskussion zum Schluss dann noch eine ganz neue Dimension. Es sei problematisch, dass Entscheider die Ergebnisse der Big-Data-Analysen oft als Wahrheit ansehen würden, begann die Zuhörerin und bezog sich dann auf das von Viktor Mayer-Schönberger geschilderte Big-Data-Anwendung über die Frühgeborenen. So wären einige gesunde Frühgeborene sicherlich an den Medikamente gestorben, weil der Algorithmus fälschlicherweise eine Infektion prognostiziert hat. Mayer-Schönberger gab der Zuhörerin recht: „Big Data beruht auf Wahrscheinlichkeiten“, warnt er. Oft würden Entscheider den Erkenntnissen aus der Datenanalyse eine zu hohe Bedeutung beimessen. Man mache bei der Interpretation der Ergebnisse, die die Analyse der Daten liefert, eben noch häufig Fehler.

Wilder Westen und kreativer Kosmos
Bei Big Data wird offenbar – salopp formuliert – beim Sammeln probiert, was geht, ohne bei der Anwendung der Analyse noch genau zu wissen, wie es geht. Milborn umschrieb diese Situation in ihren Schlussworten so: „In Sachen Big Data herrscht derzeit Wildwest-Mentalität, aber gleichzeitig entsteht auch ein Kosmos für gute Ideen und kreative Lösungen.“ Fest steht: In einem solchen Umfeld bleibt Peter Weibels Appell „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Daten“ nicht mehr als ein frommer Wunsch.