Wahlkampf braucht Zuckerl wie die Abschaffung von Roaminggebühren. Vor Nebenwirkungen wie der Konsolidierung der Telekom-Industrie auf wenige globale Player, weniger Investition in Netze und am Ende höhere Inlandspreise wird (nicht) gewarnt. Ein Gastkommentar zur aktuellen Debatte in der Wiener Zeitung.

Wenn Roaminggebühren abgeschafft werden sollen, erkennt man dass EU-Wahlkampf ist. Denn anders als unpopuläre Materien wie einheitliches Sozialversicherungssystem oder einheitliche Asylpolitik sind gestrichene Roaminggebühren ein leicht verständliches und sofort einlösbares Wahlzuckerl.

Das ist die eine Seite des Euros, gegen die niemand etwas haben kann, der auf sein Geld schaut. Auch ich habe gegen hohe Roaminggebühren geschrieben – aber auch gegen das EU-Micromanagement. Denn dies mutet absurd an: Unter allen Gütern des täglichen Lebens, von Lebensmitteln und Mieten bis Strom, Benzin, Mauten und Flugpreisen ist Roaming offenbar von solch elementarer Bedeutung, dass es den einzigen EU-weit verordneten Endkundenpreis rechtfertigt.

Europas Handynutzer haben sich seit Einführung des Mobilfunks ständig sinkender Preise erfreut, die dazu führten, dass Handy samt Internet für alle erschwinglich wurden. In Österreich wurde Telekommunikation seit 2002 um 12 Prozent billiger, während der Verbraucherpreisindex um 31 Prozent stieg, Nahrungsmittel und Getränken um 40 Prozent, Wohnung, Wasser, Energie um 47 Prozent (Statistik Austria). Gleichzeitig gab es um weniger Geld mehr Minuten, SMS und Datenmengen – 2013 verdoppelte sich im T-Mobile-Netz das Datenvolumen, seit 2009 stieg es um 960 Prozent.

In dieser Bilanz gibt es einen weniger schönen Posten, Roaming. Auch das wurde billiger, nur nicht im selben Tempo. Aber dennoch sinken dank billigerer Gebühren die Umsätze der Mobilfunker (die Kosten der Verbraucher) seit vielen Jahren, in Österreich trotz steigender Leistung jährlich um fünf bis sechs Prozent. Europa schafft das Kunststück, mehr zu liefern und dabei immer weniger zu verdienen. Die einstige Weltmarktstellung dank GSM und Firmen wie Nokia ist hingegen längst verspielt, die USA und Asien haben links und rechts überholt.

Die andere Seite des Euros: Werden Roaminggebühren gestrichen, wird der europäischen Industrie ein weiteres Stück ihrer schrumpfenden Erträge und Investitionsfähigkeit entzogen. „Die App-Nutzung würde sich im Ausland erhöhen“, ist eines der Argumente. Stimmt vermutlich, was vor allem die US-App-Entwickler freuen wird: Denn mangelnde Investitionsfähigkeit bei Telekom und IT ist der Grund, warum Europas App-Szene (und Software, Handyhersteller und Netzausrüster) international nicht einmal mehr zweite Geige spielen.

Noch einen Effekt hat es, wenn den Telekoms ein paar Milliarden Umsatz fehlen: Der Druck zu europaweiten Zusammenschlüssen steigt, was die EU anstrebt, ihr aber bisher nicht zugebilligt wurde. Für einen konsolidierten EU-Markt mit vier Anbietern wie in den USA (gern von der EU zitiert) wird das niedrige heimische Preisniveau jedoch kein Vorbild sein: Höhere Inlandspreise als derzeit erscheinen logisch. Und für Übernahmen wie derzeit durch Carlos Slims America Movil wird es Gelegenheiten zum Schnäppchenpreis geben.

Roaming abschaffen? Kein Problem für die EU. Entsprechende Verordnungen sollten jedoch auch die beträchtlichen Nebenwirkungen dieser Brachialkur auflisten. Am Ende telefonieren wir sonst zu Inlandspreisen, die höher sind, in Netzen, die mangels Investitionen schlechter werden.